Kaminabende

Sein Haus hat offene Türen (und einen Kamin)

Wir haben ein Gästehaus in unserer Gemeinde. Wir haben einen offenen Kamin. Wir haben eine Küche. Es war um die Jahrtausendwende, als ich darüber nachdachte, was sich mit diesem Kapital machen ließe, um unterschiedliche Menschen zu erreichen, vor allem solche, die mit Kirche nichts am Hut haben oder hatten. Von denen gibt es in meiner Heimat sehr viele. Im Land Brandenburg sind reichlich 80 Prozent aller Menschen konfessionslos. Die meisten von ihnen vermissen nichts, wenn sie am Sonntagmorgen keinen Gottesdienst besuchen. Sie wundern sich eher, dass andere das freiwillig und mit Freuden tun. Die meisten kennen die Bibel nicht. Sie haben keine Ahnung, was es heißt, Christ zu sein. Sie glauben nicht an Gott und wollen daran auch nichts ändern. Schon gar nicht wollen sie missioniert werden. Wie also Gottes Liebe in die Welt tragen?

Mir schwebte eine Veranstaltungsreihe vor für Christen und Nichtchristen. Einheimische und Zugezogene sollten sich näherkommen, Deutsche und Russlanddeutsche und Flüchtlinge. Eine Plattform sollte diese Reihe sein für alle, die unterhaltsame, lehrreiche, spannenden und entspannende Abende in den Wintermonaten mitgestalten und erleben wollen. Ohne großen finanziellen Aufwand. Wir machen uns einfach selbst ein paar schöne Stunden. Das war der Plan. Aus dieser Idee erwuchs ein vielfältiges Programm. Medien kündigten die Veranstaltungen an und berichteten hinterher oft über sie. Eingeladen habe ich aber auch auf Straßen und Plätzen und mit Aushängen in Geschäften. Zuerst kamen fünf, dann fünfzehn, dann fünfzig Gäste. Anfangs zögernd, später oft schon eine Stunde zu zeitig, einfach, um da zu sein und eine Tasse Tee zu trinken, um zu reden. Manche brachten Tee mit oder Teelichter oder Kaminholz oder Ideen und machten so den Abend zu ihrer eigenen Sache. Genauso hatte ich es mir gewünscht. Einige kamen immer wieder, andere nur, wenn sie das Thema interessierte.

Ich spürte auch Gegenwind. Glaubensgeschwister fragten: „Was bringt ein solcher Abend, an dem keine christlichen Lieder gesungen werden, der nicht mit einem Gebet beginnt und mit einem „Der Herr segne uns und behüte uns…“ schließt? Was hat das mit Mission zu tun? Sind kulturelle Veranstaltungen Gemeindearbeit? Kommen Menschen dadurch zum Glauben und zu den Gottesdiensten? Haben sich schon welche taufen lassen? Ist eure Gemeinde dadurch gewachsen?“ Diese Fragen haben mich irritiert. Mit Musik und Literatur, mit Arztvorträgen und Reiseberichten, mit Volksliedersingen und ausgelassenen Tänzen, mit Gesprächsrunden, auch über Tabuthemen wie Suizid, Essstörungen, Homosexualität und mit heiteren Stunden wollte ich ja nicht mehr und nicht weniger, als dass Menschen zueinanderfinden, sich austauschen, dazulernen, offener werden, dass sie ihre Sorgen ablegen, dass sie sich wohlfühlen, alle miteinander und dann heiter oder nachdenklich nach Hause gehen.

Nach zehn Jahren Kaminarbeit haben wir uns eine bunte Jubiläumsfeier gestaltet. Es hat mich sehr berührt, wie viele ehrliche Dankesworte gesagt wurden. Ein halbes Jahr später trafen wir uns alle zu einem Sommerfest auf dem Gemeindehof. Wieder haben zum Gelingen viele beigetragen. Mehrheitlich waren das keine Christen, sondern Menschen, die sich einladen und begeistern ließen. Dreizehn Jahre lang veranstalten wir sechs bis sieben Kaminabende in den Wintermonaten. Sie standen allesamt unter dem Motto „Wenn’s dämmert“. Auch mir ist in dieser Zeit ein Licht aufgegangen. Eigentlich sind es mehrere Lichter.

  1. Menschen lassen sich einladen. Auch heute noch. Sie kommen, wenn sie Interesse am Thema haben. Sie kommen wieder, wenn sie sich wohlgefühlt haben in der Gemeinschaft, ja, wenn sie Teil dieser Gemeinschaft sind und sich einbringen können.
  2. Gottes Gegenwart und seine Liebe zu uns zeigt sich im gelingenden Miteinander. Da, wo wir uns annehmen, wo wir einander tolerieren und achten in unserer Verschiedenheit, da wird Gott sichtbar. Er möchte, dass unser Leben gelingt.
  3. Die gute Nachricht vom vergebenden und versöhnenden Gott in die Welt zu tragen, heißt zuerst einmal Vergebung und Versöhnung zu leben.
  4. Es kommt wohl nicht darauf an, ob dabei etwas für die Ortsgemeinde herausspringt, ob Mitgliederzahlen wachsen und finanzielle Sorgen abgebaut werden.

Auch, wenn es die Veranstaltungsreihe „Wenn’s dämmert“ in diesem Umfang nicht mehr gibt – die Prioritäten haben sich geändert, mein Kraftpensum auch – hin und wieder lädt die Gemeinde zu weiteren Kaminabenden ein. „Reis trifft Kartoffel“, hieß es letztens. Und Gundolf Lauktien, Berlin, wird am 25. November sein Buch „Ich bin klein, aber mutig!“ vorstellen. Ich freue mich schon.

Übrigens sagte neulich jemand zu mir: „Ich wäre Sonntag beinahe zu Ihnen in den Gottesdienst gekommen, aber ich weiß ja nicht, was man da machen muss. Oder kann man bei Ihnen auch einfach dasitzen und zuhören?“

Ingrid Ebert