Page 2 - Der aktuelle Gemeindebrief der EFG Forst
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„Da weinte Jesus.“

                                                                                       Monatsspruch März

                                                         (Johannes 11,35 – Einheitsübersetzung 2016)



                                                                                    Warum weint Jesus? Das ist
                                                                                    eine   berechtigte    Frage,
                                                                                    denn  dass  Jesus  Tränen
                                                                                    zeigt,    wird     in    den
                                                                                    Evangelien  lediglich  zwei
                                                                                    Mal      berichtet.      Die
                                                                                    emotionale  Reaktion  des
                                                                                    „eingebornen         Sohns“
                                                                                    (Joh 1,14)  ist  hier  in  eine
                                                                                    sonderbare            Szene
                                                                                    eingebettet.  Lazarus,  der
                                                                                    Bruder  von  Maria  und
                                                                                    Martha, ist verstorben. Den
                                                                                    beiden Frauen wusste Jesus
                                                                                    sich  verbunden;  in  ihrem
                                                                                    Haus  war  er  zu  Gast
                                                                                    gewesen. Von Lazarus heißt
        es sogar, dass Jesus ihn lieb gehabt habe (11,3). Jesus wusste, dass Lazarus krank ist und geht
        aber trotzdem nicht zu ihm. Vier Tage nach seinem Tod trifft er dann ein. Maria fällt vor ihm auf
        die Knie und sagt, das wäre nicht passiert, wenn Jesus hier gewesen wäre. Sie und die Menschen
        drumherum weinen.
        Weint Jesus, weil er vom Tod des Freundes überwältigt wird? Oder weil er von der Traurigkeit der
        anderen ergriffen ist? Oder weil er erkennt, dass er zu spät gekommen ist? Keine dieser Fragen
        führt in die richtige Richtung. Dem Kontext können wir entnehmen, dass Jesus auf besondere Weise
        von Lazarus' Tod wusste (11,14). Und es scheinen auch andere Emotionen im Spiel zu sein als nur
        Ergriffenheit und Traurigkeit. Seinen Tränen geht voraus, dass er im Geist ergrimmte und erbebte
        (11,34). Warum Jesus weint – schwer zu sagen.
        In der systemischen Therapie wird die „Warum-Frage“ durch die Frage nach der Bedeutung von
        Äußerungen ersetzt. Nicht die inneren Gründe, die meist verborgen bleiben, stehen im Vordergrund,
        sondern die Bedeutung einer Reaktion für Andere, für das System, in dem ein Mensch sich befindet.
        Also, was bedeuten die Tränen Jesu für Maria, für die umstehenden Menschen, für seine Jünger?
        Vermutlich sehr Unterschiedliches. Maria könnte sie als echtes Mitgefühl deuten. So verstehen es
        auch  die umstehenden  Menschen:  „Schaut, so  lieb hat  er  ihn  gehabt,  er  weint sogar.“  (11,36)
        Andere deuten sie als Hilflosigkeit; die Jünger vielleicht als Wut über den Verlust. Alles möglich.
        Alles auch typisch für menschliche Systeme.
        Ich glaube die entscheidende Frage lautet: Was bedeuten die Tränen Jesu für den Tod und für
        Lazarus? Wer weiter liest, bekommt eine deutliche Antwort: Für den Tod bedeuten die Tränen das
        Ende; für Lazarus das Leben. Jesu Tränen sprengen das vertraute System einer begrenzten Welt.
        In  den  salzigen  Wassertropfen,  die  aus  seinen  Augenwinkeln  kullern,  bricht  sich  das  Licht  der
        schöpferischen Kraft Gottes. In Jesus steigt die Auferstehungskraft auf, die die ganze Schöpfung
        verwandeln wird. Die Tränen sind nicht so sehr ein Ausdruck für das, was in Jesus los ist, sondern
        Zeichen  dafür,  wie  er  diesen  Kosmos  von  innen  verändert.  Sie  bedeuten  also  Zuversicht  und
        Hoffnung angesichts von Endgültigkeit und Tod. Was für schöne Tränen!
                                                                                           Prof. Dr. Oliver Pilnei
                                  Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

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