Page 2 - Der aktuelle Gemeindebrief der EFG Forst
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„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen
        nach Wind.“

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                                                              (Kohelet/Prediger 4,6 – Lutherbibel 2017)


        Im Vers davor heißt es: „Der Tor legt seine Hände zusammen und zehrt vom eigenen Fleisch“, soll
        heißen: der Tor lebt vom Ererbten oder Ersparten, obwohl er arbeiten könnte, soll heißen: Faulheit ist
        ein Zeichen von Anmaßung und Dummheit. Es könnte nun zwischen dem Vers 5 und dem Vers 6, also
        unserem Monatsspruch, ein Doppelpunkt stehen, und dann wäre unser Vers das Lebensmotto aus dem
        Munde des faulen Toren: „Genieße das Nichtarbeiten, Arbeit ist sowieso sinnlos.“ Als Ausspruch des
        Toren  wäre  der  Vers  dann  nicht  etwa  eine  Lebensweisheit,  sondern  eine  Lebenstorheit  und  damit
        ungeeignet als Monatsspruch. Die meisten Exegeten weisen diese Deutung aus gutem Grund zurück. Es
        steht dort ja nicht, dass man beide Hände ruhen lassen soll, sondern nur die eine. Gewarnt wird nicht
        vor Arbeit, sondern davor, immer beide Hände voll Arbeit zu haben und nicht zur Ruhe zu kommen. Wo
        Arbeit und Erwerb nicht mehr Mittel zum Zweck eines verantwortungsvollen und gottesfürchtigen Lebens
        sind, sondern zum Selbstzweck werden, sind sie so sinnlos wie der Versuch, den Wind mit bloßen Händen
        einzufangen. Also doch eine Lebensweisheit.

        Das  Buch  Kohelet  wird  zusammen  mit  den  Büchern  Hiob  und  Sprüche  und  einigen  Psalmen  als
        Weisheitsliteratur bezeichnet. Die Texte sind literarisch schön, aber ihr Wert für den Glaubenden ist
        irgendwie begrenzt. Ich bin immer etwas enttäuscht, wenn ich in einem Bibeltext nichts als allgemeine
        Lebensweisheiten entdecken kann. Mich sprechen meist auch diese Morgenandachten im Radio nicht an,
        bei denen eine Pastorin oder ein Priester allgemeine Lebensweisheiten vorträgt, die zwar einleuchtend
        und wahr, aber eben auch banal sind. Ich lese die Heilige Schrift nicht, um Dinge zu erfahren, auf die
        man  durch vernünftiges Nachdenken auch selbst kommen kann. Mich leitet vielmehr die Erwartung,
        durch die Worte des alten heiligen Textes dem lebendigen Gott begegnen zu können, der so nah ist und
        so schwer zu fassen. Als evangelisch geprägter Leser suche ich in der Bibel Evangelium, nicht Weisheit.
        In  Wirklichkeit  ist  die  Bibel  viel  bunter  und  komplexer  als  die  zugespitzten  Erwartungen  des
        evangelischen  Lesers.  Die  Bibel  ist  voll  von  Sprichwörtern und klugen  Beobachtungen,  die treffend,
        zuweilen sogar witzig formuliert allgemein Menschliches auf den Punkt bringen. Das ist zunächst einmal
        erstaunlich. In den vielen Jahrhunderten, die seit der Abfassung dieser Texte vergangen sind, hat sich
        die Welt völlig verändert und mit ihr die Menschen mit ihren Wahrnehmungen und ihrem Verhalten, mit
        ihrem ganzen Bewusstsein und ihrer körperlichen Befindlichkeit. Vor hundert, zweihundert Jahren waren
        die Menschen anders als heute. Umso mehr vor den vielen Jahrhunderten, die seit der Entstehung der
        biblischen Texte vergangen sind. Die Menschen der biblischen Zeit fürchteten sich vor Dingen, die wir
        nicht mehr fürchten, hofften auf Dinge, auf die heute kein vernünftiger Mensch mehr hofft. Ihnen waren
        Dinge wichtig, die für uns nicht mehr erstrebenswert sind, sie achteten manches gering, was für uns
        von größtem Wert ist. Sie ahnten nichts von den Ängsten der Heutigen, und erst recht konnten sie nicht
        die Möglichkeiten erahnen, die die Menschen heute haben.

        Dennoch, trotz des garstigen Grabens der Geschichte, der uns von der Welt der Bibel trennt, geschieht
        es immer wieder, dass ein Wort aus den Weisheitsschriften des Alten Testaments mich trifft, so wie es
        der Lyriker Ernst Stadler in seinem berühmten Gedicht „Der Spruch“ formulierte: „In einem alten Buche
        stieß ich auf ein Wort, Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort.“ Kohelet, der
        Prediger, predigt nicht das Evangelium, er verkündigt keine göttlichen Verheißungen und bietet keinen
        Trost  für  die  Angefochtenen.  Vielmehr  führt  er  uns  die  Vergänglichkeit  und  Begrenztheit  des
        menschlichen Lebens und Tuns schroff vor Augen. Man könnte ihn als Bußprediger bezeichnen, nicht in
        dem Sinne, dass er diese oder jene Sünde anprangert, sondern weil er uns unverblümt abverlangt, uns
        der Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen, innezuhalten und zur Besinnung zu kommen. Das ist
        noch nicht das Evangelium, aber Ruf zum Innehalten und Umdenken. Wenn eine Lebensweisheit (oder
        eine Morgenandacht im Radio) das bewirken kann, dann ist sie Gold wert.

                                                                                                Martin Rothkegel
                                                                                  Theologische Hochschule Elstal

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