Page 2 - Der aktuelle Gemeindebrief der EFG Forst
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„Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Miss-
handelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“
Monatsspruch Juni
(Hebräer 13,3 – Einheitsübersetzung 2016)
Was ist die erste Reaktion, wenn wir Leid sehen? Instinktiv schauen wir weg. Zumindest schaue
ich, wenn sich im Fernsehen jemand geschnitten hat, meist erstmal gegen die Wand. Zu sehr
fühle ich am eigenen Leib den Schnitt. Auch wenn ich das Weltgeschehen in den Nachrichten
verfolge, dann nehme ich meist eine distanzierte Haltung ein. Sich nicht im ganzen Leid zu
verlieren, ist für viele heute ein valider Teil der mental health. Hebräer 13,3 fordert scheinbar
das Gegenteil: Hinsehen! Mitfühlen! Nicht vor Leid zurückschrecken und wegblicken! Wenn
jemand im Gefängnis ist, dann nicht wegschauen, wenn jemand misshandelt wird, bewusst
mitfühlen. Dieser Vers solidarisiert sich mit den Leidenden.
Die Solidarisierung wird zum einen durch die eigene Verletzlichkeit als Ressource für Empathie
begründet: Du hast doch auch einen Körper, du kannst doch nachvollziehen wie sich Verletzte
fühlen! Das Denken an die Gefangenen bindet dann die Lesenden auf doppelte Weise: Das
griechische μιμνῄσκομαι (gr. für Denkt!) meint soviel, wie sich etwas vor Augen zu führen
und in Erinnerung zu rufen. Es bleibt aber nicht nur bei der ständigen Vergegenwärtigung,
sondern es soll an die Gefangen so gedacht werden, als sei man selbst mitgefangen. Das
Gefängnis ist eine totale Institution, es ist unmöglich zu vergessen, wenn man im Gefängnis
ist. Somit bindet der Vers im doppelten Sinne unseren Fokus auf die Gefangenen. Sie dürfen
nicht vergessen werden, wir sollen nicht wegschauen.
Warum diese starke Betonung der Aufmerksamkeit? Zum einen, weil wir dahin tendieren dem
Schweren aus dem Weg zu gehen, wie Wasser suchen wir uns gerne den leichtesten Weg. Zum
anderen war es zur Zeit des Hebräerbriefes lebensnotwendig, dass an die Gefangenen gedacht
wird. Damals gab es in Gefängnissen keine (angemessene) Verpflegung. Alles Essen musste
von Außen kommen.
Woher aber kommt dieser Aufruf zum Denken an die Gefangenen und das Mitleiden mit dem
Misshandelten? Es ist Ausdruck der imitatio Christi (Nachahmung Christi). Hebr 3f. beschreibt
Jesus Christus als Hohepriester, dessen besondere Qualität ist, dass er den Menschen
verstehen und mit ihm leiden kann. Das gibt der Inkarnation einen besonderen Zug: Gott hat
als er das Leid gesehen hat, nicht weggeschaut, sondern ist in diese Welt geboren, um Leben
und Leiden mit den Menschen zu teilen. Der große Bogen, den der Hebräerbrief hier geht, lässt
sich mit dem Philipperhymnus zusammenfassen:
„Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war, der in Gestalt Gottes war und
es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein. Aber er entäußerte sich und nahm
Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist, und der Gestalt nach wie ein
Mensch befunden“. (Phil 2,5-7)
Das fordert mich neu heraus, mein Herz nicht zu verschließen, der Realität ins Auge zu schauen
und mich auf die Suche zu machen, wo die Liebe Gottes mich hinführt, indem sie mir das Herz
für manche Menschen und Problemlagen öffnet und auch zur aktiven Tat ruft.
Carl Heng Thay Buschmann
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Rektoratsassistent der Theologischen Hochschule Elstal
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