Page 2 - Der aktuelle Gemeindebrief der EFG Forst
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„Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit gan-
zer Seele und mit ganzer Kraft.“
Monatsspruch Januar
(5.Mose 6,5 / Deuteronomium – Einheitsübersetzung 2016)
Januar: die Zeit der guten Vorsätze und der Neuausrichtung. Was soll mir im nächsten Jahr wichtig
werden? Was will ich loslassen, was nehme ich mir vor?
Auch der Monatsspruch lädt zur Neuausrichtung ein, zu einem klaren Lebensfokus. Jesus wird dieses
Gebot später als eins der beiden wichtigsten zitieren: Gott lieben und den Nächsten wie mich selbst
(Markus 12,28-34). Juden rezitieren dieses Gebot morgens und abends. Es gehört zum „Shma
Israel“, dem „Höre Israel“, das mit dem vorigen Satz beginnt: „Höre, Israel! Der HERR, unser Gott,
der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben…“
Ein Gebot, an dem Juden und Christen ihr Leben ausrichten sollen. Aber kann man denn Liebe
befehlen? Wie geht überhaupt Liebe zu Gott, was soll das praktisch bedeuten? Und ist dieser
religiöse Totalanspruch – „mit ganzem Herzen“ – nicht übertrieben, vielleicht sogar gefährlich?
Ja, es ist ein sperriger Satz, ein störender Anspruch. So war er auch gemeint. „Liebe“ wurde damals
auch in Vasallenverträgen der mächtigen Assyrer geboten. Damit war eine völlige Unterordnung
gemeint: keine Bündnisse mit anderen schmieden, Aufrührer ausliefern, Tribute treu abliefern.
Wenn hier betont wird, dass nur dem einen und einzigen Gott eine solche totale Hingabe zukommt,
wird damit allen menschlichen Ansprüchen eine Abfuhr erteilt. Gott allein als Herrn meines Lebens
zu bekennen, macht mich frei. Frei davon, den Erwartungen anderer genügen zu müssen. Frei
davon, mein Leben an den jeweils aktuellen Maßstäben messen zu müssen (ob nun Leistung,
Einkommen, die Zahl der Follower oder das Ausmaß an Familienglück). Frei, um Nein sagen zu
können, wo gesellschaftliche Ansprüche erdrücken. Selbst da, wo in religiö-sen Kontexten über
mein Leben geurteilt oder verfügt wird, wo Gemeinden kontrollierend werden, führt dieses Gebot
in die Freiheit: Gott allein kann Anspruch auf meine Hingabe erheben, keine menschliche Bewegung.
Aber Moment: Ist hier nicht mehr als nur eine befreiende Fokussierung gemeint? Immerhin geht es
um Liebe mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft. Und tatsächlich geht diese
Formulierung über die Frage nach dem Herrschaftsanspruch hinaus. Im Hebräischen ist dabei das
„Herz“ nicht der Sitz der Gefühle, sondern der Gedanken, des Verstandes und des Willens. Die
„Seele“ wiederum ist das, was mich lebendig macht: Meine Lebenskraft und meine Bedürftigkeit,
meine Menschlichkeit. Hier klingt auch die emotionale Liebe an, jedenfalls wird in der Liebeslyrik
genau so formuliert: Immer wieder besingt die Liebende im Hohenlied ihre Sehnsucht nach dem,
„den meine Seele liebt“ (Hohelied 3,1-4). In jüdischer wie christlicher Auslegung wurde die
Liebessprache des Hohenlieds auf die Gottesliebe bezogen. Ja, auch solche Sehnsucht nach Gott
klingt in dem Gebot an. Auch das glückliche Genießen der Nähe Gottes und das schmerzliche
Vermissen, wenn Gott nicht zu finden ist, gehören zur Liebe.
Mit der „ganzen Kraft“ wird zuletzt noch einmal die völlige Ausrichtung auf die Liebe zu Gott betont.
Aber ich denke doch: Meine „ganze Kraft“ ist manchmal sehr klein. Gefordert ist eben auch nicht
mehr, als ich gerade geben kann. Nur das, was da ist. So gut ich kann und mit allem, was ich bin,
soll ich Gott lieben, fordert der Monatsspruch. Mit meinen Gedanken, Plänen und Prioritäten, meiner
Menschlichkeit und Lebendigkeit, mal sehnsüchtig, mal begeistert, in meiner Kraft und meiner
Schwäche soll – will ich Gott lieben. Nur er darf mein ganzes Sein in seinen Dienst nehmen. Weil
er mich liebt und mein Bestes will, kann ich mich ihm ganz anvertrauen.
Wie würde es aussehen, wenn ich das neue Jahr in dieser Freiheit und mit diesem Fokus leben
würde?
Dr. Deborah Storek
Professorin für Altes Testament an der Theologischen Hochschule Elstal
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